Tod durch Kekse?

By eiwo

(jaredchapman, flickr)

Da lag sie. Die Milch quoll ihr aus dem Mund. Sie rührte sich nicht. Sie wollte sterben. Ja tot sein. So fühlt es sich an, wenn man nicht mehr leben will, dachte sie.

Die leere Kekspackung lag vor ihr auf dem Tisch und die angebrochene Milchtüte befand sich noch in ihrer Hand. Bewegungslos saß sie da, halb liegend auf ihrem Stuhl und wollte sich nie wieder bewegen. Das ist es doch, weswegen man sterben will, weil man sich dann nie wieder bewegen muss. Ihr Bauch grummelte, zog sich zusammen, sie krümmte sich. Aua, jammert sie und quälte sich zur Toilette. Hoffnungsvoll lehnte sie sich über die Schüssel, trank noch einen Schluck aus der Tüte und hoffte, dass würde ihrer Qual ein Ende bereiten. Aber das Gegenteil war der Fall. Ihr Magen schien sich nur noch enger zusammen zu ziehen. Enttäuscht über ihren Misserfolg vor der Kloschüssel, setzte sie sich in Bewegung und robbte Richtung Wohnzimmer. Stellte die Milchtüte auf den kleinen Tisch, verschüttet dabei etwas, da sie sich wie immer etwas ungeschickt anstellte, machte sich aber weiter nichts daraus und mümmelte sich aufs Sofa. Ich beweg mich nie wieder. Ehrlich wahr, das war das letzte Mal. Und trotzdem verlor sie noch einen winzigen Gedanken an die offene Milchtüte und ob sie nicht vielleicht doch noch einen Schluck daraus nehmen sollte. Entschied dann aber, dass die Tüte zu weit draußen auf dem Tisch stand und ließ es deshalb bleiben. Die Anstrengung wäre es nicht wert gewesen. Und so lag sie nun da. Sich selbst immer noch bemitleident und darauf wartend, dass irgend etwas in der Welt passierte. Aber es geschah nichts, nicht einmal der Fernseher lief und so schlief sie einfach über ihr warten ein.

Als sie wieder erwachte, war es bereits dunkel geworden. Sie hatte einen komischen Geschmack im Mund und als sie die Milchtüte erblickte, wusste sie auch warum. Du Junkie, sagte sie leise zu sich selbst, nahm die Milch beiseite und wischte schnell den Tisch ab, auf dem sich nun ein eingetrockneter Milchfleck befand. Dann entfernte sie die Keksreste und verdammte sich dafür, immer wieder dieses Teufelszeug zu kaufen, da es jedes Mal gleich endete. Sie fraß die ganze Packung, trank einen Liter Milch dazu und hatte den ganzen Tag Bauchschmerzen. Gleich würde ihre Mutter nach hause kommen und sie fragen, was sie den ganzen Tag über gemacht hatte und sie brachte es einfach nicht übers Herz zu sagen, sie habe Bauchschmerzen gehabt, weil sie sich am Nachmittag aus purer Langeweile und Einsamkeit überfressen hatte. Es war ihr peinlich. Einmal hatte sie es zugegeben und ihre Mutter hatte sie nur völlig verständnislos angeschaut und gefragt ob sie denn kein Sättigungsgefühl hätte, oder fressen müsste wie ein Schwein. Darum war es ihr peinlich und sie dachte sich eine Geschichte aus. Sie wäre bei einer Freundin gewesen, die sie zum Kaffeetrinken eingeladen hatte. Das verstand ihre Mutter, auch wenn sie es nicht vollkommen gut heißen konnte, denn schließlich hatte sie nicht so viel Freizeit zur Verfügung und ging früh aus dem Haus zum Arbeiten und kam erst spät zurück.

Cornelia war kein unglückliches Kind und sie liebte ihre Mutter und verstand sogar ihren Einwand, doch ändern konnte sie nichts daran. Ihr Leben war einfach so belanglos wie die ARD Hitparade, nur weniger bunt und mit weniger Heimatmusik. Eigentlich hatte ihr Leben recht wenig damit zu tun, aber sie zog diesen Vergleich recht gerne, da sie sich im Fernsehen nichts langweiligeres vorstellen konnte, als die ARD Hitparade, sogar Golf wäre da spannender, das nervt wenigstens nicht so.

Einmal in der Woche musste sie ihre Großmutter besuchen, deshalb kannte sie sich mit der Hitparade bestens aus. Im St. Petersheim, Pflegestädte ihrer Großmutter und zugleich der Höllenschlund. Jedenfalls machte es diesen Eindruck wenn ihre Großmutter davon berichtete. Sie war alt und böse. Wäre Cornelias Leben ein Märchen gewesen, hätte ihre Großmutter die Roller der bösen Stiefmutter gespielt, die alt und verbittert war und hier und da versuchte gegen diesen und jenen eine Intrige zu spinnen. Immer erzählte sie etwas anderes, wenn Cornelia da war. Mal versuchte sie sie zu bezirzen und zu bestechen, damit sie aus dem Heim kam, mal erzählte sie Schauergeschichten über grobe Pfleger und verschwundene Bekannte und wenn alles nichts half, fing sie an zu drohen: „Ich hoffe wenn du alt bist stecken dich deine Kinder nicht in so ein Abschiebeheim für minderbemittelte demente Alte!“ Cornelia blieb dann immer ganz ruhig und sagte nur: „Oma, du weißt ganz genau, dass ich niemals Kinder haben werde. Sobald ich alt genug bin lass ich mich sterilisieren. Und für denn Fall, dass ich einmal richtig alt werde, leg ich mir ne Knarre zu, um das ganze vorzeitig zu beenden.“ Ihre Oma blickte sie dann immer so schockiert an, das gefiel ihr. Aber dann sagte sie sie sei stolz auf ihrer Entschlossenheit, und dass Kinder sowieso nur Arbeit machen würden und ein undankbares Pack abgeben, so bald man mal ein klein Wenig mehr Unterstützung bräuchte. Mit ein klein Wenig Unterstützung mehr, untertrieb sie natürlich maßlos. Sie konnte nicht mehr alleine gehen, zumindest weigerte sie sich dies zu tun, auch wenn es physiologisch keinen Hindernisgrund gab. Aber die Ärzte hätten natürlich keine Ahnung, schließlich steckten sie ja nicht drin, in ihrem Körper. Das bedeutet aber auch, dass sie nicht mehr alleine aufs Klo gehen konnte, sich alleine kein Essen kochen konnte und nicht mehr ihre Wohnung verlassen konnte. Ihre Wohnung lag in der zweiten Etage, ohne Fahrstuhl und es wäre ein immenser Aufwand gewesen, diese behindertengerecht, wie es hieß, umzubauen. Außerdem wäre sie dann immer noch allein gewesen und hätte einen Pflegedienst gebraucht und letzten Endes konnte das keiner bezahlen und man sah es als das Vernünftigste und das Beste für ihr Wohl, sie in ein Altenheim in ihrer Nähe zu verlegen, damit sie auch regelmäßig besucht werden konnte.

Für Cornelia war es ein wöchentlicher Pflichtbesuch, der nicht gerade der angenehmen Art entsprach. Sie hoffte jedes Mal, dass der Todeswunsch ihrer Oma denn auch bald erfüllt werde, denn weder ihre Oma noch sie ertrugen diese Situation noch länger.

Manchmal dachte sie darüber nach, sich einfach mal umzuhören und vielleicht irgendwo auf der Straße Zyankali aufzutreiben, dann hätte ihre Oma wenigstens eine Wahl. Aber dafür war Cornelia dann doch zu schüchtern. Schließlich wusste sie ja gar nicht, was so ein Straßendealer alles im Petto hatte und sie war besorgt darüber, was er ihr wohl noch andrehen könnte. Man hört da ja die merkwürdigsten Sachen über die bravesten Kinder, die auf einmal abhängig sind. Und wer weiß vielleicht wollten die auch nur eine Sterbehilfe für ihre Oma besorgen. Das klang zwar selbst in ihren Ohren nicht sehr glaubwürdig, aber für eine halbherzige Gewissenserleichterung reichte es aus.

„Cornelia? Sag mal, warst du diese Woche schon bei Oma? Du hast doch heute nun wirklich noch nichts Vernünftiges gemacht, oder? Und lüg mich nicht an!“

Also war sie wieder dran und konnte sich auch nicht drücken. „Ja Mama, ich geh ja gleich.“ „Und bring Oma doch noch was schönes mit, sie ist immer so verbittert, weil sie ganz alleine ist. Am besten nimmst du die Diätschokolade aus dem Regal. Du weißt ja, Zucker kann Oma umbringen, mit ihrer Diabetes.“

Und da stand sie nun, direkt vor dem Süßigkeitenregal im Vorratsraum und starrte die Diätschokolade an. Ob Zucker sie wohl wirklich töten kann? Ein süßer Tod, dachte sie so bei sich und packte den ganzen Vorrat an Schokoladenkeksen und eine Tüte Milch ein. Mama sagt immer, wir wären uns irgendwie ähnlich. Wenn das stimmt, dann steht sie genauso auf Kekse wie ich und kann sich auch genauso daran überfressen.

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