
(gefunden bei ffffound)
„Es ist Zeit.“ Sagte sie.
„Zeit wo für?“
„Es ist Zeit zu gehen. Du weißt es. Nimm endlich deine Beine in die Hand und lauf!“
„Ich kann nicht. Du weißt es. Ich kann nicht.“
Immer ging es so. Diese Diskussion führten sie seit Monaten.
Das Einzige was sie noch sagen konnte war: „Lauf!“
Dann ging sie. Sie konnte es nicht mehr ertragen. Ihn nicht mehr ertragen. Seine Einsamkeit, seine Verlassenheit. Alles war zu viel geworden. Er hatte aufgegeben, lag nur noch da, sich selbst bejammernd Tag für Tag. Sie brachte ihm Suppe, kümmerte sich um ihn, päppelte ihn wieder auf, mal schlecht mal recht.
Sie ging, wie jeden Tag ging sie und wie jeden Tag ertrug er ihr Gehen nicht. Am liebsten wollte er ihr nachlaufen, aber das hatte er bereits zu oft getan. Er lief und kam doch nicht bei ihr an. Er klopfte, sie öffnete, doch ließ ihn nie wieder ganz herein. „Morgen, morgen komme ich wieder, aber für heute ist genug.“ Und er musste wieder gehen. Sein Herz schüttete er ihr aus, legte es zu Füßen ihrer da und fühlte nur harte Absätze darauf rumtrampeln. Dabei tat sie so vieles, so vieles was ihm nicht reichte. Er wollte sie ganz, doch konnte sie nicht haben. Sie ging, aber nie ganz. Etwas hielt sie bei ihm, seine Verzweiflung und Unselbstständigkeit. Sie konnte ihn nicht ganz verlassen, kam immer wieder zurück, für ein paar Stunden nur. Nur um zu sehen ob er noch lebte, sich noch nicht erhängt hatte. Manchmal wurde sie auch abgeholte, dann war er besonders wild, schrie besonders laut, quengelte und warf mit Sachen. „Komm nie wieder! Komm ja nie wieder!“ Er wollte sie dann nicht mehr sehen, denn sie tat ihm so weh. Doch drei Tage später kam sie zurück, brachte Suppe und schaute nach dem Rechten. Dann lag er da. Allein auf seiner Couch. Der Fernseher lief, er sah ausgehungert und dehydriert aus. War verheult, hatte seit Tagen weder gegessen noch getrunken. Sie fütterte ihn, bis er wieder aufrecht sitzen konnte. Räumte ein bisschen die Wohnung auf und ging wieder.
„Es ist Zeit.“ Sagte sie.
Er sagte nichts.
„Es ist Zeit zu gehen.“ Sagte sie.
Er blickte sie an: „Nimm endlich deine Beine in die Hand und lauf!“